Der strkste Lwe - Zum Karriereende von Jens Lehmann 11FREUNDE

Wie soll man jemanden beschreiben, der in kein Schema passt? Wenn selbst Jrg Berger an dieser Aufgabe verzweifelt, darf man sich diese Frage durchaus stellen. Angesprochen auf die Schwchen seines ehemaligen Schtzlings Jens Lehmann antwortet Berger: Er ist so dermaen ehrgeizig. Angesprochen auf die Strken seines ehemaligen Schtzlings Jens Lehmann berlegt Berger lange und sagt

Wie soll man jemanden beschreiben, der in kein Schema passt? Wenn selbst Jörg Berger an dieser Auf­gabe ver­zwei­felt, darf man sich diese Frage durchaus stellen. Ange­spro­chen auf die Schwä­chen seines ehe­ma­ligen Schütz­lings Jens Leh­mann ant­wortet Berger: Er ist so der­maßen ehr­geizig.“ Ange­spro­chen auf die Stärken seines ehe­ma­ligen Schütz­lings Jens Leh­mann über­legt Berger lange und sagt dann: Er ist so unglaub­lich ehr­geizig.“ Schönen Dank auch.

Es ist das ewige Manko in Leh­manns Kar­riere, dass es ein­fach nicht mög­lich ist, ihn in eine Schub­lade zu pressen. Zumin­dest in keine vor­ge­fer­tigte. Die für ihn pas­sende wurde jeden­falls noch nicht geschrei­nert. Kahn war der Titan“. Andreas Köpke der zuver­läs­sige Abstiegs­kan­didat mit den tollen Reflexen. René Adler und Manuel Neuer gehören zur neuen Tor­wart­ge­ne­ra­tion“, gelten als modern, kon­zen­triert, mann­schafts­dien­lich – und des­halb viel­leicht auch ein wenig lang­weilig. Leh­mann aber war in seiner Kar­riere alles und auch nichts. Wenn es über­haupt jemanden gibt, mit dem man den Fuß­ball-Tor­wart ver­glei­chen kann, dann es ist Uli Stein. Weil der aber aktuell sein Geld in Aser­bai­dschan ver­dient und keine Zeit für weit­rei­chende Auf­klä­rungs­ar­beiten hat, bleiben auch hier nur dicke fette Fra­ge­zei­chen.

Im Ruhr­ge­biet musst du kämpfen!“

Ehr­geiz. Dis­zi­plin. Sie­ges­willen. Und ja, natür­lich auch: Druck. Das sind die Kern­ele­mente von Leh­manns Kar­riere, die nach dem letzten Spieltag der lau­fenden Bun­des­liga-Saison beendet werden soll. Woher kommt diese Extra­por­tion von allem, die Leh­mann in Deutsch­land zu einem Rekord­halter in Sachen Platz­ver­weisen und in Eng­land zu Mad Jens“ werden ließ? Er selbst sagt: Ent­span­nung auf dem Rasen? Ich will gewinnen. Ich bin im Ruhr­ge­biet auf­ge­wachsen: Da muss du kämpfen. Mit Nett­sein und Ent­span­nung kommst du da nicht weiter.“

Die Unter-Tage-Ver­gan­gen­heit aus dem Ruhr­ge­biet also, dort wo schuften und malo­chen zum guten Ton gehört. Selbst wenn die alten Zechen längst geschlossen sind. Aber auch das ist nicht wirk­lich eine Ant­wort auf all die Fragen nach Gründen für Pro­vo­ka­tionen, Schub­s­e­reien, Bril­len­dieb­stählen und Pin­kel­pausen. Leh­mann kommt aus Essen-Hei­singen, eine Gegend, die nicht unbe­dingt nach Koh­le­wolken und Män­ner­schweiß stinkt. Hier regiert der gut­bür­ger­liche Mit­tel­stand. Auch wenn Leh­manns Groß­vater unter Tage schuf­tete – der Enkel wuchs in anderen Ver­hält­nissen auf. Und sagt trotzdem so Sätze wie Im Fuß­ball ist es wie im Dschungel. Wenn der stärkste Löwe nicht jeden Tag kämpft, dann kommt irgend­wann ein anderer und beißt ihn weg.“

Leh­mann hat viel dafür getan in den 22 Jahren seiner Kar­riere stets der stärkste Löwe im Dschungel zu sein. Jens hatte schon immer her­vor­ra­gende Vor­aus­set­zungen für die Posi­tion des Tor­hü­ters“, sagt Jörg Berger, der Leh­mann drei Jahre lang auf Schalke trai­nierte, er hatte einen fan­tas­ti­schen Körper, war topfit, durch­trai­niert und beweg­lich.“ Als er 2008 beim VfB Stutt­gart anheu­erte, stolze 38 Jahre alt, staunten selbst die jungen Kol­legen über die kör­per­liche Ver­fas­sung des Neu­zu­gangs. Als ich das erste Mal so trai­niert habe, wie Jens es tat“, erin­nert sich VfB-Tor­wart Alex­ander Stolz, konnte ich mein T‑Shirt nach kurzer Zeit wech­seln, das war durch­ge­schwitzt. Es war unglaub­lich intensiv.“

Der stärkste Löwe hat gebissen

Und der stärkste Löwe hat gebissen, nicht nur einmal. Seine Stra­ßen­bahn­fahrt nach der Aus­wechs­lung durch Jörg Berger ist legendär. In der ersten Saison für Borussia Dort­mund griff er Ros­tocks Timo Lange in die Haare – und wurde das erste Mal in seiner Kar­riere vom Platz geschmissen. Er legte sich mit Ulf Kirsten und Gio­vane Elber an. Beim FC Arsenal ern­tete er Hohn und Spott für stän­dige Ran­ge­leien und schau­spie­le­ri­sche Ein­lagen als Schwal­ben­könig im eigenen Straf­raum. Im womög­lich größten Spiel seiner Kar­riere, dem Cham­pions-League-Finale von 2006, flog er nach 18 Minuten vom Platz, weil er Barca-Stürmer Eto´o mit einer Not­bremse gestoppt hatte. Und seine pein­li­chen Aus­raster im Trikot des VfB Stutt­gart ver­lei­teten Welt“-Redakteur Lars Wall­rodt in seinem Kom­mentar Der VfB Stutt­gart muss Jens Leh­mann ent­lassen“ zu läs­tern: Das sind Aktionen auf Sand­kasten-Niveau.“

Das alles ist so pas­siert und war teil­weise wirk­lich lächer­lich, über­flüssig, pein­lich und ver­rückt. Nur: Oliver Kahn hat sich in seiner Kar­riere nie anders ver­halten und gilt heute trotzdem als ein Groß­meister seines Fachs. Jens Leh­mann schimpft man einen in die Jahre gekom­menen Bekloppten.

Bei ihm ver­blassen die posi­tiven Erin­ne­rungen“

Warum das so ist? Wieder eine offene Frage, aber immerhin findet sich hier ein inter­es­santer Erklä­rungs­ver­such: Nor­ma­ler­weise ver­blassen im Fuß­ball die nega­tiven Erin­ne­rungen an einen Spieler“, grü­belt Lars Ricken, ehe­mals Mit­spieler bei Borussia Dort­mund. Bei Jens scheinen nur die posi­tiven zu ver­blassen.“

Das war vor der Welt­meis­ter­schaft 2006 und für einen kurzen Sommer lang schien sich das Kli­schee Jens Leh­mann ins Gegen­teil zu ver­klären. Die starken Leis­tungen in der Vor­runde, der Hand­shake mit Oliver Kahn vor dem Elf­me­ter­schießen gegen Argen­ti­nien, die Zettel im Schien­bein­schoner, die ent­schei­denden Paraden. Der Rote-Karten-Rekord zu Dort­munder Zeiten? Mad Jens“? Alles Schnee von ges­tern!

Inzwi­schen sind Leh­manns Auf­tritte bei der WM nur noch vage Erin­ne­rungen im damals glücks­be­sof­fenen Fuß­ball-Deutsch­land, redu­ziert auf ein Stück Papier, für das ein Ener­gie­kon­zern eine Mil­lionen Euro zahlte und dem Haus der Geschichte“ ver­machte. Selbst seine bewun­derns­werten Leis­tungen bei der EM 2008, noch nicht einmal zwei Jahre her, sind lange ver­gessen. Nur dunkel erin­nern sich selbst ältere Semester in den Kurven an die diversen Aus­zeich­nungen des gebür­tiges Esseners, der bester Tor­wart der Pre­mier League“, Europas Tor­hüter des Jahres“ und 2006 sogar zweit­bester Tor­wart der Welt war. Jeweils drei Welt- und Euro­pa­meis­ter­schaften hat Leh­mann mit­ge­macht. Bei den zwei Tur­nieren, die er als Stamm­kraft erleben durfte, wurde Deutsch­land Dritter und Zweiter. Keine allzu schlechte Bilanz.

Zeit für Image-Kor­rek­turen gibt es nicht

Jetzt, im Früh­jahr 2010, nach Pin­kel­pause, Bril­len­klau und Kerner-Beichte textet der Stern“: Leh­manns Image liegt end­gültig am Boden. Und Zeit für Image-Kor­rek­turen hat Leh­mann nicht mehr.“ Tat­säch­lich, viel Zeit bleibt ihm nicht. Am 8. Mai 2010 soll die Kar­riere mit einem Punkt­spiel gegen Hof­fen­heim beendet werden. Das habe der Fami­li­enrat“ ent­schieden. Wenn also nicht ein Wunder geschieht – und das wird es nicht – bleibt Jens Leh­mann auf seinem Image sitzen.

Was seine Kri­tiker noch mehr ärgern wird: Es wird ihn nicht son­der­lich jucken. Er war immer extrem, in allem was er getan hat“, sagt Jörg Berger, Leh­manns Stra­ßen­bahn-Ver­gan­gen­heit. Eine Spur zu ehr­geizig, eine Spur zu radikal. Aber genau des­halb ist er zu einem der besten Tor­hüter der Welt geworden.“ Das muss man nicht ver­stehen, aber Jens Leh­mann wird dieser Satz sicher­lich ganz gut gefallen.

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